Fünfte Reise, Tag 32: Brot unterwegs

Datum: 9. Juni 2025
Ort: Trondheim, Norwegen
Ich ging, ohne ein Ziel zu haben. Bakklandet entfaltete sich wie ein leises Flüstern – gepflasterte Wege, angelehnte Fahrräder, verrostete Scharniere und Blumentöpfe, die genau dort standen, wo sie hingehörten. Die Häuser wirkten bewohnt, nicht wie für eine Ausstellung dekoriert. Die Farbe blätterte in sanften Mustern ab, die Fensterläden standen einen Spalt offen. Alles war schwer, aber ruhig.
An einer Stelle blieb ich neben einem niedrigen Fensterbrett stehen. Drinnen lagen ein Paar blaue Socken auf einer Heizung und ein einzelner Löffel in einer Tasse. Ich zeichnete noch nichts. Stattdessen stand ich still da und betrachtete mein eigenes Spiegelbild im Glas, in dem sich das Leben eines anderen widerspiegelte. Ich war an zwei Orten gleichzeitig. Ein weiterer Besucher.
Das Kopfsteinpflaster war noch dunkel vom Regen der letzten Nacht, und der Fluss floss langsam – nicht still, aber auch nicht schnell. Es war wie bei den Lagerhäusern mit ihren langen, zitternden Vertikalen. Ich sah eine Ente, die eine perfekte Spur hinterließ und in der Unterführung der alten Brücke verschwand.
Ein Mädchen in roten Gummistiefeln kam zweimal an mir vorbei. Ich hatte einmal einen Laib Brot. Er hatte leere Hände. Wir sagten nichts zueinander.
Zurück in der kleinen Wohnung, die ich miete, saß ich am Fenster und schälte eine Orange. Der Duft erinnerte mich an das Jahresende in Singapur – Schulferien, nasse Finger und zu viel Licht. Es ist seltsam, wie Erinnerungen in Zitrusfrüchten versteckt sein können.
Ich habe heute nicht viel gemacht. Aber ich habe aufmerksam zugesehen. Und irgendwie fühlt sich das an, als wäre das genug.